Herzilein

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Rosa Spiere vor einem gelben
Ilex

In den vergangenen Tagen fand ich bestätigt, was allgemein als infames Vorurteil gilt. Seit Wochen habe ich hier, in meinem Tagebuch, keinen sichtbaren Beweis gefunden, dass Frauen darin lesen. Das tut Mann ja auch eigentlich nicht. Anders Frauen, Frauen sind neugierig - heißt es immer.

»Hallo Hase!“, wurde ich in den zurückliegenden Tagen gleich mehrmals angesprochen; und das von Vertreterinnen der Spezies Frau, denen mein Vornamen bekannt ist und die mich bislang nie so genannt haben. Ich kann daraus nur schlussfolgern, dass diese Damen meinen Tagebuch-Eintrag „Von Hasen und Kaninchen“ gelesen haben müssen.

Von einer anderen Kollegin bekam ich, mit einer Betonung irgendwo zwischen Enttäuschung und Verärgerung, sogar zu hören: „Du bist der Einzige den ich mit Herzilein anrede! Das kannst Du mir glauben - und Dir was drauf einbilden!“ In meiner Betroffenheit habe ich dazu erstmal geschwiegen.

Frauen werden empfindlich, wenn Mann über ihre Strategien spricht. In seinem Tagebuch über solche frauenspezifischen Fallen zu schreiben, und dann das Teil auch noch offen rumliegen zu lassen, das ist äußerst fahrlässig. Meine Hasen-Kollegin setzt jetzt auf „Frontalangriff“, sie benutzt eine Steigerungsform des Kosenamens, die Verniedlichung. Die jüngsten Arbeitsanweisungen die ich von ihr erhalten habe, leitete sie mit „Häschen“ ein.

Ein ganz liebenswerter Freund hat sofort erkannt, auf welchem dünnen Eis ich mich befand und warf mir einen Rettungsring in Form eines Links zu. Er ließ mich wissen, dass sich sogar clevere Leute als unsereins mit dem Thema „Kosename“ auseinandersetzen.

Sicherheitshalber schreiben die Wissenschaftler auch nicht von sich selbst, sondern von anderen Leuten. Dann sind sie weniger angreifbar, und sie werden auf den Fluren bestimmt nicht dauernd mit »Hallo Schnuffelchen“ angesprochen.

Die Ergebnisse dieser Studie sind frappierend. Der Hase, belegt den Platz drei der „Kosenamen-Top Ten“. Und es kommt noch dicker:

Die Verwendung von Kosenamen nimmt ab, je öffentlicher die Kommunikationssituation […] ist.

Herrlich! Das hätte mit Sicherheit keiner erwartet. Doch so ganz mag ich dem nicht beipflichten. Außerdem, liebe Damen und Herren Wissenschaftler, dieses Ergebnis

[…] Eher unüblich ist die Verwendung von Kosenamen im Arbeitsumfeld […] habe ich Ihnen oben sogar widerlegt. Gerade im Arbeitsumfeld werden Kosenamen genutzt, und zwar als Methode, als „Köder“. Kosenamen sollen einlullen und auf diese Weise fügsam stimmen. - Zum Kosename „Hase“ erhellt mich die Studie:

Der Name hat sich durch eine enge, innige Beziehung ergeben. […]

Wenn ich daran denke, wie inflationär dieser Kosename inzwischen verwendet wird, dann leben wir in einer Welt voller inniger Beziehungen. Das ist doch mal ein echter Silberstreif am Horizont. - Im Fußnoten-Text der Studie ist dann sogar noch ein Eingeständnis zu finden:

Es ist nicht einfach, die erhobenen Kosenamen nach klar bestimmten Kategorien zu ordnen. […]

Ich bekomme für meine lebensnahen Recherchen keinen müden Cent, und die Herren Professoren schreiben: „Es ist nicht einfach“? Wenn ich die Studie zu bewerten hätte, würde ich in der Beurteilung die Formulierung „bemühte sich“ besonders hervorheben wollen.