Gedichte

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Eine Grafik mit sechs
SternchenWenn es in der Schule hieß: »Das Gedicht lernt ihr bitte bis morgen auswendig«, war ich zwar nicht entzückt, weil ich ein fauler Hund war (und bin), aber das Gedichte lernen hörte für mich zu einer der leichteren Übungen. Irgendwo in meinem Oberstübchen scheint es dafür eine ausreichend große, gut geordnete „Abstellkammer“ gegeben zu haben.

Ohne es großartig zu bemerken, änderte ich in den vergangen dreißig Jahren nach und nach die Nutzung des „Speichers“. Dort lagern nun unzählige PINs und Benutzernamen nebst Kennwörtern. Ich habe keinen Überblick mehr, wie viele Benutzerkonten (hochdeutsch auch „accounts“ genannt) sich dort schon stapeln.

Wenn unsereinem die Gnade widerfahren ist, hier und da noch als Admin auserwählt worden zu sein, dann hatte das zur Folge, dass sich für diese Bereiche häufig die „Sammlung“ noch verdoppelte (ein „Zugang“ als Wichtigmann und einer als Otto-Normal-Nutzer).

Jeder weiß, Admins sind von Natur aus gütige und einfühlsame Menschen. Da bleibt es nicht aus, dass man sich als solcher auch noch die Benutzerkonten seiner Sorgen-Schäfchen in besagter Kammer abparkt. Denn nicht jeder hat das Glück, auf ein größeres „Parkhaus“ zurückgreifen zu können.

Ich bin fest davon überzeugt, würde ich mir die ganzen Zugangsdaten tätowieren lassen wollen, müsste ich noch mindestens 50 Kilogramm zulegen um ausreichend Fläche zu gewinnen.

Zur Klarstellung: Benutzerkonten sind die Schlüssel unserer Zeit. Würde ich stattdessen sechs Zentimeter große Schlüssel mit mir herumtragen müssen, wäre das ohne Zuhilfenahme eines Tiefladers nicht zu bewältigen. Das spricht eindeutig für die „modernen“ Schlüssel. Noch nicht ausreichend evaluiert habe ich, welche Art von Schlüssel sich besser wiederfinden lassen.

Wer keinen Schlüssel hat, kommt nicht rein – gehört nicht dazu. Insofern haben diese accounts auch eine nicht zu verachtende soziale Komponente. Jetzt, wo ich das hier so schreibe, wird mir erst klar, was für ein unglaublich toller Hecht ich bin.

Allerdings habe ich auch den Verdacht, dass die mit Geheimzahlen und Zugangsdaten barrikadierten Dinge allmählich wild ins Kraut schießen. Es scheint „trendy“ zu sein – alles, was sich irgendwie abheben möchte, elitär wirken will, wird auf diese Weise „veredelt“ (ich mag mir gar nicht ausmalen, für welche Dinge ich mir demnächst noch Geheimzahlen merken muss).

Das soll wohl die Sache interessant machen; ähnlich wie bei der Geburtstagsfeier das Geschenke auspacken. Folglich feiere ich jeden Morgen, bevor ich ans Arbeiten komme, erst einmal Geburtstag. Es dauert halt, bis ich all die „Geschenke“ angemeldet, nein, ausgepackt habe (und abends packe ich dann alles wieder ein – für die „Überraschung“ am nächsten Tag).

Garantiert hatte ich einen hochroten Kopf, als ich neulich im Supermarkt an der Kasse eine Bankkarte nach der anderen in den dafür vorgesehenen Schlitz steckte und dann alle möglichen Geheimzahlen in die Tastatur drückte. Ich bin überzeugt: Die Geheimzahlen waren korrekt, allein die Karten waren falsch. Bisher bin ich immer traumwandlerisch klar gekommen – aber das war eine Vorwarnung:

»Die Speicherkarte ist bald voll, bitte wechseln sie die Karte oder beginnen sie mit dem Löschvorgang.«

Bitte keine Gedichte mehr!