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Die Iris eines
Auges

Das Auswendiglernen von Benutzernamen, Kennwörtern und Identifikationsnummern mag lästig sein, aber es hat auch Vorteile; einige hatte ich schon genannt, aber es gibt weitere:

Stellen wir uns vor, jeder ist mit jedem und alles mit allem vernetzt. Stimmt, teilweise ist das schon so. Aber noch hängt nicht jeder Kühlschrank und jedes Auto im Netz, und noch benutzt nicht jeder die Einkaufskarte der großen Kaufhäuser. Doch: Fürchtet Euch nicht, es wird so kommen – oder noch besser.

Immer wenn ich mich mit meiner Kennung irgendwo anmelde (zu hochdeutsch einlogge), kann man auf der „anderen Seite“ genau nachvollziehen, wann und wie lange ich mich dort aufgehalten habe. Die Logdatei schreibt beispielsweise auch mit, was verändert oder was bestellt wurde.

Auf diese Weise lässt sich von mir sehr bald schon ein vollständiges Profil erstellen. Amazon zum Beispiel ist darin bereits sehr erfahren. Die kennen meine Lesegewohnheiten ziemlich genau. Regelmäßig schreiben die mir, was ich gut finden könnte und daher kaufen sollte.

Für den Arbeitsplatz ist die Vernetzung besonders praktisch. Ich brauche mich nicht stundenlang rechtfertigen was ich wann gemacht, und wie lange ich dafür gebraucht habe. Die Chefetage weiß das schon, sie hat in die Protokolldatei geschaut.

Und der Urologe kann genau sagen: »Junge, gemessen an Deinen wirtschaftlich hervorragenden Bier-Konsum beim Schützenfest, hast Du Dich aber zu wenig für die Toilette angemeldet. Das ist nicht gut für die Blase.« Er kann das so gut diagnostizieren, weil ich die Getränke mit meiner Geheimzahl bezahlt habe und öffentlichen Toiletten selbstverständlich nur noch mit Benutzerkennung genutzt werden können – und mit Video-Kameras bestückt sind.

Letzteres ist im übrigen gut, weil sich dann auch „checken“ lässt, dass ich, anständig wie ich nunmal bin, selbstverständlich nur im Sitzen meine Balase entleere. Und weil die vernetzten Kameras auf allen öffentlichen Plätzen installiert sind, lässt sich genau rekonstruieren, wann ich festen Schrittes vom Schützenfest nach Hause gegangen bin und dass ich dabei den den Schulhof (sichtlich dankbar) für ein kleines Erholungs-Päuschen genutzt habe.

Ich brauche dem Herrn Doktor auch nicht groß und breit von meinen Essgewohnheiten berichten; die wurden ihm bereits von meinem Kühlschrank mitgeteilt. Das intelligente Gerät, welches nicht nur jede Nutzung registriert, hat sich meine Vorlieben bei den Speisen und Getränken gemerkt. Es bestellt auch selbstständig nach, wenn es mir danach beliebt.

Na klar, auch mein Auto wäre Teil des gigantischen Netzes. Das Navigationsgerät verklärt mir nicht nur wo es lang geht, es beobachtet und versendet auch detailliert, wo ich, wann, und mit welcher Geschwindigkeit gefahren bin. Und der Sensor im Motorraum würde ganz genau mitbekommen, dass ich einen sehr eleganten Fahrstil habe.

Übrigens: Diese digitalen Fahrtenschreiber können eine erstklassige Ergänzung zu jedem Urlaubsbericht sein. Ach ja, durch die Auswertung der Fahrberichte werde ich dann auch automatisch informiert, wenn es mal wieder Zeit für eine Nachschulung ist.


Wie gesagt, so eine Vernetzung hat ungeahnte Vorteile. Auf diese Weise ersparen wir uns auch das Befragen für die Unmengen von Statistiken, denn alle Informationen liegen ja bereits vor und können auf Knopfdruck ausgewertet werden.

Man muss sich mal vorstellen, was die totale Vernetzung für eine Zeitersparnis bedeutet! Überall muss ich mich doch heute erklären, muss mich rechtfertigen.

Die vollständige Iris eines
Auges

Hängt erst einmal alles am Netz, brauche ich mich nicht mehr um einen Arbeitsplatz bewerben – ich werde gefunden. Ich brauche nicht mehr zu balzen – die Mädels kennen mich schon. Ich brauche nicht mehr zum Arzt, der weiß schon wenn ich krank bin – und aus welchem Grund.

Und prämiert werden die, die sich mittels ihrer Logdateien als korrekt und gefestigt erwiesen haben – denn die dürfen mitmachen – bei der Analyse des Lebens der Anderen.

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