Diplomatisch

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Eine Grafik mit dem Text - Sag sie mir bitte
nicht!

Echt oder unecht?“, das ist hier die Frage.

Ich greife einfach noch mal meine jüngste Schreibtisch-Theorie: „Je weniger ich von einer Beziehung abhängig bin, desto authentischer kann ich *sein*“ dazu auf, und schicke sie zum Elchtest:

Eine Bekannte lädt mich zu einer großen Feier ein. Der Haken: Ich bin kein Partylöwe. Solche Feten sind nicht mein Ding. Was sage ich der Gutesten?

»Vielen Dank für die Einladung, aber ich stehe nicht auf so was.« – Oder bin ich etwas „kreativer“ und bediene mich einer Notlüge: »Du, das tut mir aber leid, ausgerechnet an dem Tag habe ich mich schon mit einer lieben Freundin zum Essen verabredet. Der Termin steht schon lange fest.«

Die Notlüge dient in der Regel zur Abwendung humaner oder ökonomischer Nachteile des Lügners oder einer Gruppe, vor allem um große strategische Ziele nicht zu gefährden.

[Quelle: de.wikipedia.org]

Da haben wir´s: Wir sind nicht echt, wenn wir ökonomische Nachteile befürchten oder strategische Ziele gefährdet sehen. – Stimmt, das ist keine bahnbrechende, neue Erkenntnis.

Eine kleine Ergänzung zur Definition: Wir verwenden die Notlüge auch aus Bequemlichkeit oder Feigheit. Eine wirkliche Not liegt der Notlüge aber nur selten zugrunde.

Wenn wir es schaffen, die Lüge mit den Kriterien der „sozialen Lüge“ in Einklang zu bringen, fühlen wir uns vielleicht wohler – eine Lüge bleibt es aber trotzdem.

Die soziale Lüge soll dem Wohl des Belogenen oder der Harmonie einer Gruppe dienen. Diese Art der Lüge soll meistens dem friedlichen Miteinander und der Leistungsmotivation nützen.

Mehrmals habe ich die Adjektive authentisch, echt, unverfälscht und ehrlich benutzt. Nach herrschender Meinung sind das alles Attribute, die ein Gutmensch haben sollte. Trotzdem raten uns die Volksweisheiten sowie die Definitionen zur Notlüge und zur sozialen Lüge, es mit der Wahrheit nicht unbedingt so genau zu nehmen.

»Eine Notlüge sei diplomatischer als die Wahrheit«, ließ mich kürzlich eine Bekannte wissen. Das hatte ich in der Deutlichkeit auch noch nicht gehört.

Ein diplomatisches Verhalten bescheinigt den Agierenden dabei Kompromissbereitschaft und den Willen, die Absichten und Wünsche jedes Beteiligten zu berücksichtigen. […] Alle Diplomatie funktioniert auf der Basis des verbalen Taktgefühls, welches gewährleistet, dass sachlich über Fakten diskutiert werden kann.

[Quelle: de.wikipedia.org]

»Was ist, wenn ich keine Not zu lügen habe? Ich habe kein Problem damit zu sagen, dass ich kein Partylöwe bin und nicht kommen möchte«, bat ich meine Gesprächspartnerin zu bedenken. Trotzdem tendierte sie zur „Termin“-Lüge.

Klar, wenn ich ehrlich sein möchte, sollte ich mir schon Gedanken machen, wie ich die Wahrheit vortrage – Stichwort: Einfühlungsvermögen. Alternativ zur Notlüge üben wir uns dann auch gern mal in der „Kunst des Weglassens“ von entscheidenden Informationen: »Wieso, ich habe doch nichts Falsches gesagt…« Nö, nur wesentliche Fakten ausgelassen.

Nun denn – mein Eindruck ist, das „Un-Wahrheiten“ wie unvollständige Wahrheiten zum Alltag gehören wie die Schuhsohle zum Schuh. – Und die Wahrheit? Die Wahrheit ist, das sie häufig nicht gewünscht ist, vielfach auch dann nicht, wenn es eigentlich „um nichts geht“.

Die Wahrheit schmeckt halt oft bitter, mitunter ist sie schwer zu verstehen, selten passt sie ins eigene Bild oder in das der „Beziehung“ und oft erfordert sie auch noch Toleranz.

Entscheidend ist offensichtlich nur, gut „rüber zu kommen“, glaubwürdig zu wirken.

Daher meine heutige These: Solange wir es nicht großartig merken, wollen wir „verkauft“ werden – vom Händler, vom Handwerker, vom Bankangestellten, vom Politiker …