Der Koffer

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Ein Detailfoto von einem
Koffer

Seit Tagen arbeite ich mich von Schublade zu Schublade und von Schrankfach zu Schrankfach. Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich eine Entrümpelungsaktion von diesem Ausmaß durchgeführt habe.

Natürlich werden dabei viele Erinnerungen wach. Mit den Erinnerungen sind Gefühle verknüpft, und mit denen unterschiedlich haftender „Klebstoff“, der es einem mehr oder weniger leicht macht, sich von Dingen zu trennen.

Ich weiß nicht wie leicht es Sergej Donatowitsch Dowlatow gefallen ist sich von seinem Koffer und dessen Inhalt zu trennen. Vielleicht hat er es auch nie getan.

Sergej Dowlatow wanderte 1978 von der UdSSR in die USA aus. In dem Koffer den er bei sich trug war alles, was ihm an materiellen Dingen aus 36 Jahren geblieben ist. Er stellte ihn in die hinterste Ecke eines Wandschrankes ab und entfernte dabei nicht mal die Wäscheleine.

Als er den Koffer Jahre später hervorholt und auspackt schreibt er darüber:

Ich betrachtete den leeren Koffer. Auf dem Boden Karl Marx. Im Deckel Brodsky. Und dazwischen ein verpatztes, wertloses, einziges Leben.

Ob es nun der gediegene Zweireiher, die finnischen Acrylsocken, oder die vom Leningrader Bürgermeister geklauten Schuhe sind – in seinem Buch „Der Koffer“ erzählt Sergej Dowlatow, wie er zu den Gegenständen gekommen ist und aus welchen Gründen es nur diese Dinge sind, die seine Erinnerungen an sein Leben in der UdSSR vergegenständlichen.

Sergej Dowlatow schreibt schnörkellos und unprätentiös. Seine Sätze sind kurz und prägnant, desgleichen die Schilderungen von Details. Manchmal hatte ich den Eindruck, als ob ein Rasenmäher über die Dramatik, die Spannung, den Humor, und die Ironie gefahren ist, und ihnen die Spitzen genommen hat. Es fehlt nicht an den Faktoren, nur scheint der Autor gezielt beabsichtigt zu haben, dass sie nie über ein bestimmtes Maß hinauswachsen. Durch diesen fast „nüchternen“ Schreibstil entsteht Distanz, eine, wie ich finde, sehr sympathische Form von Distanz.

Wo ich gerade in der Nähe bin, zum Thema Sprach- und Literaturwissenschaft schreibt Sergej Dowlatow:

Es gibt exakte Wissenschaften. Folglich gibt es auch unexakte Wissenschaften. Unter den unexakten Wissenschaften nimmt meines Erachtens die Philologie den ersten Platz ein. So wurde ich Student an der Philologischen Fakultät.

Was ihn nicht davon abgehalten hat, sehr exakt zu schreiben.