Balkonien

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Der Fuß eines
Baumes

Ich habe Urlaub. Das Wetter war, bis gestern Mittag, ausgezeichnet. Seit Tagen ist der Balkon meine Adresse. Schon als Kind habe ich mir immer einen Balkon gewünscht. Vielleicht weil man von dort eine größere Übersicht hat.

Vor etwa zehn Jahren habe ich mir den Wunsch erfüllt. Er ist fast vollständig aus Holz – so, wie ich es immer wollte. Und immer stehen dort Pflanzen – so, wie ich es liebe. – Er ist ein schon feines Sonnenplätzchen.

Sonne, Regen, Frost – die Natur verändert – auch meinen Balkon. Der Balkon sagte mir, er müsse mal ein wenig „aufgefrischt“ werden. Zumindest glaubte ich, dass er mir das sagte. Seit Tagen bin ich dabei, meinen Balkon zu neuem Glanz zu verhelfen – schrubben, wischen, schleifen, streichen.

Als ich gestern Früh, bewaffnet mit einem Pinsel und Holzöl den Balkon betrat, hörte ich aus einem der Nachbargärten schon Radiomusik. Viele Menschen lassen sich rund um die Uhr beschallen – im Auto, im Büro auf der Toilette. Ist das Leben nicht lärmend genug? Haben die Menschen Angst, einfach mal nur ihre Gedanken zu hören? Sind die nicht Vielstimmig genug?

Den ganzen Tag habe ich die Geräusche von Rasenmähern gehört. Obwohl ich von dem Balkon über mehrere Gärten hinwegsehen kann, habe ich niemanden den Rasen mähen gesehen. Ich glaube, es gibt viel mehr Rasenflächen als richtige Gärten mit Bäumen, die auch Laub abwerben dürfen. – Natur ist lästig. – Rasen verkommt zum Outdoor-Vorwerk-Teppich.

Ich hätte den Balkon mit einem Hochdruckreiniger säubern können. Das Gerät soll ja zu den Lieblingsgeräten der Heimwerker gehören. Ich mag die Dinger nicht. Ja, auch weil sie einen lärmenden Motor haben. Den Balkon habe ich, wie zu Großmutters Zeiten, mit einer Bürste abgeschrubbt - jeden Tropfen Wasser mit Eimern herangekarrt. Auch die Schleifmaschinen blieben für das Schleifen an ihrem Platz. – Ständig wird mir unterstellt, ich wäre ein schlechter Kostverwerter oder ich würde zu wenig essen.

Tagelang. Ich arbeite – ja, ich gebe zu, ein bisschen verbissen. Oder ist es der Hang zum Perfektionismus? Es soll halten. Für wie lange? Möglichst lange. Ich habe den Eindruck, wir wollen immer für die Ewigkeit bauen. Stück für Stück betonieren wir uns zu und versuchen mit allerlei Materialien und Zutaten dem Vergehen, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Doch wir werden immer verlieren.

Tagelang. Dann frage ich mich, lohnt sich das? Ich sitze nicht oft auf dem Balkon, nur die Zeitung oder ein gutes Buch in den Händen. Meistens liegt etwas anderes an. So viel Geld und soviel Zeit für einen Balkon – für einen Balkon, den ich so wenig nutze.

Aber es gibt auch Leute, die richten sich unglaublich teure Badezimmer ein. Und wie oft halten die sich darin auf? Andere kaufen teure Autos, vielleicht sogar eine „Balkon mit Motor und vier Rädern“ auf dem es ständig zieht. Alles für ein kurzes Zeitfenster von Glück? Enorm, wenn man bedenkt, wie lange wir dafür arbeiten müssen.

Wir sind merkwürdig – wir glauben, wenn wir uns viel leisten können, sind wir glücklicher. Dafür rackern wir viel, dafür opfern wir viel Zeit – Zeit, die uns für die Familie und für die Muße fehlt. Wir sind halt Meister darin, die Ursachen zu verdrängen indem wir mit nicht nachlassendem Eifer die Symptome behandeln.

Gleich geht´s wieder auf den Balkon.