Zerrissen

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Schnitt durch ein versteinertes
Schneckengehäuse

Da ist er, der Schnee. Ich weiß nicht, ob ich das toll finden soll. Für mich heißt das, ich muss gleich raus zum Schnee-Schnaufeln.

Mit der Muße des Frühstücks am Samstag lese ich das, was ich im Alltags-Gewusel erstmal beiseite gelegt habe. Zum Beispiel den Brief von amnesty international. Der beginnt:

…stellen Sie sich vor, Sie laden sich aus dem Internet einen Text über die Gleichberechtigung der Frau herunter und plötzlich steht die Polizei vor Ihrer Tür. Sie werden festgenommen, verprügelt und schließlich wegen des heruntergeladenen Textes zu Tode verurteilt…

Jedes Mal wenn ich die Briefe von Amnesty lese, wird mir bewusst, wie glücklich ich mich schätzen darf, in einen Land wie das unsere leben zu dürfen.

Die Tasse erneut mit Kaffee gefüllt, studiere ich einen mehrseitigen Zeitungsbericht über den Krieg im Kongo. Ich lese von den Morden, Vergewaltigungen, Flüchtlingen und ich frage mich:

Wie würde ich mich fühlen, wenn mir die gleichen Gräuel-Taten in einem Roman, in einer fiktiven Handlung, geschildert würden? Vermutlich hätte ich auch Tränen in den Augen. Ein Einfühlungsvermögen mit mangelhafter Differenzierung?

Denn: Die in dem Brief von Amnesty und in dem Zeitungsbericht über den Kongo-Krieg geschilderten Schicksale einzelner Menschen sind nicht Teil eines fesselnden Romans - sie sind tatsächlich passiert; und sie passieren auch jetzt, während ich dies schreibe.

Es ist komisch. Obwohl von dem Gelesenen mit einem Gefühl von Schmerz traurig, spüre ich dennoch auch die Freuden, die ich in dieser Woche erlebt habe - und die mich jetzt noch tragen.

Ich denke an die Menschen, die wie aus dem Nichts auftauchten, wie wir uns über verschiedenen Themen begeistert unterhalten haben, wie wir Ideen dazu entwickelt haben, wie wir sie auch gemeinsam einstielen wollen…

Und jetzt gehe ich den Schnee vom Gehweg schaufeln…