Archivstaub und Zeitreisen

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Ahorn

Wenn ich mich morgens so aus dem Bett schäle, frage ich mich manchmal auch. Fragen kostet ja nichts, es erspart oft das Denken. Plötzlich denke ich, Freitag war ich im Archiv meiner “Anstellungsbehörde”.

Nun ja, ein Archiv hat eine ganz eigene Atmosphäre: der Geruch, die Geräusche, das beklemmende Gefühl. Es ist fast so wie in einer Zahnarztpraxis, nur ganz anders.

Da stehen sie nun, die Archivkartons; meistens zum Bersten vollgestopft mit den Papierbündeln der einzelnen Akten. Die aneinandergereihten Archivkartons erinnern ein bisschen an eine Reihenhaus-Siedlung. Statt Straßennamen und Hausnummern, helfen hier Aktenzeichen bei der Orientierung - manchmal auch nicht.

Und in den “Aktenhäusern” wohnt die Vergangenheit.

Ich mag keine Archive. Ich bin hier und jetzt! Widerwillig blättere ich in den staubigen, spröden Akten. Nicht selten stehe ich vor einem “Aktenhaus” und stelle fest: “Bewohner” nach unbekannt verzogen. Na toll…

Also zwänge ich mich weiter durch die staubigen Gassen der Regale. Während ich mit meiner Kleidung gleichzeitig Staubputze und “bestäube”, ermittle ich bei “verdächtigen Anschriften”. Archiv-Kartons mit solchen Aktenzeichen werden systematisch durchkämmt.

Diese “Hausdurchsuchungen” bringen manchmal Sachen zu Tage - ich sage nur: Quastenflosser der Stadtgeschichte. Und als hätte ich nichts Wichtigeres zu tun, verwandelt mein Oberstübchen die Buchstabenkolonnen zu Bildern und Filmen:

…Ja, das war damals ein brandheißes Thema. Mensch, was haben die debattiert und gestritten - nächtelang. Alles wird wieder lebendig. Ich sehe die Menschen und höre deren Stimmen. Da sitze ich und versuche, genervt von der langen Sitzung, alles genau mitzuschreiben. Selbst den Geruch vom, mit Rauch geschwängerten, Sitzungssaal glaube ich wahrzunehmen…

Jeder Mist wurde aufgeschrieben. Die Gegenwart auf Papier gefesselt; für die Zukunft, zum Erinnern, als Beweis. Doch so manches Heißgetränk von gestern ist heute kalter Kaffee…